Kälbermarkt, © Zuchtverband für oberbayerisches Alpenfleckvieh Miesbach e.V.

Donnerstag ist Kälbermarkt

Sehe ich aus dem Fenster, fällt mein Blick auf eine Wiese, auf der gemächlich eine kleine Herde heranwachsendes Jungvieh grast – für mich ein geliebtes Bild voll archaischer Schönheit und Ruhe. Auch wenn ich nachts einmal nicht schlafen kann, tröstet mich ein Blick auf den nachbarlichen Bauernhof: Spätestens ab 4:00 Uhr früh brennt drüben im Stall das Licht wie ein Gruß, der mir durch die Nacht sagt, dass das Leben viele Facetten hat und dass gut ist, im Oberland zu leben. Doch wenn drüben die Lichter an sind, weiß ich auch, dass es Arbeit gibt. Die meisten Kälber werden gegen Morgen geboren, und das ist immer aufregend. Mit ihren großen Augen, dem knuddeligen Fell und ihrer unglaublichen Neugier gehören Kälbchen zu den besonders freundlichen jungen Tieren. Legendär ihre raue Zunge, mit der sie eine dargebotene Hand abschlecken! Was für ein Duft nach frischer Milch und Leben.

 

Viel Wissen für die Viehzucht

Bis zu acht Kälber bringen unsere Milchkühe im Lauf ihres Lebens auf die Welt. Der Nachwuchs ist ein natürlicher Reichtum, aber auch ein Wirtschaftsfaktor, gerade hier in Miesbach, wo die Oberlandhalle noch immer der wichtigste Umschlagsplatz für Fleckvieh ist. „Die Bayern sind ein Volk von Viehzüchtern“, schrieb der große Historiker Benno Hubensteiner. So ganz falsch ist das nicht, lebten doch im Jahr 2019/20 alleine in Miesbach 1.346 Kühe, weitere 1.755 waren es in Fischbachau, 1.100 in Weyarn und 399 in Hausham, um nur einige Zahlen zu nennen. Dass alle 14.133 aktiven Milchkühe des Landkreises Miesbach in dieser Zeit 7.500 kg Milch gaben, entnehme ich staunend den „Miesbacher Mitteilungen 2020“, der verbandseigenen Zeitschrift, die einen guten Einblick in die Welt unserer Landwirte erlaubt: Hier spielen Fragen wie die Hornlosigkeit der Rinder, die Suche nach dem richtigen Stier, die Milchleistung von Kühen, ihr mögliches Lebensalter, der passende Melkroboter, Melkbarkeit und natürlich der Milchpreis eine entscheidende Rolle. Wer sich für das komplexe Wissen und die vielfältigen Hintergründe der Miesbacher Fleckviehwirtschaft interessiert, ist hier richtig.

 

Auftrieb am Donnerstag

Doch ich will heute über den Kälbermarkt schreiben. Schon der erste Kontakt mit der Oberlandhalle ist freundlich. Ich bekomme vorab Fotos und man vereinbart unkompliziert einen Termin. „Wir haben nichts zu verbergen – im Gegenteil“, sagt dann auch Geschäftsführer Christian Preßlaber, der sich die Zeit genommen hat, mir den Kälbermarkt zu zeigen und wichtige Hintergründe zu erklären.

Es ist Donnerstagvormittag gegen 10:30 Uhr, und der Auftrieb ist in vollem Gange. Wir gehen durch die große, helle Halle mit den sauberen Boxen zur Rückseite des Gebäudes. In zwei Gefährten werden gerade Kälber angeliefert: Das eine ist ein kleiner Transporter, in dem ein Kälbchen steht. Der Bauer selbst führt es am Strick aus dem Hänger und schiebt es durch die offene Tür ins Innere der Halle. Daneben hat ein großer Transporter angelegt: Die Rampe wird ausgefahren, Seitenteile klappen hoch, damit die Kälbchen beim Hinüberwechseln in die Halle nicht stürzen. Während manche ungestüm nach draußen drängen, würden andere am liebsten im Hänger bleiben. Denn natürlich ist das alles den Kleinen, die im Schnitt 6 Wochen alt sind, nicht ganz geheuer. Aber es passiert ihnen nichts - sie müssen nur hintereinander durch einen schmalen, von Eisengittern umschlossenen Gang laufen.

 

Das passiert hinter den Kulissen

Hier hat der Tierarzt ein Auge auf jedes Kalb, prüft mit geschultem Blick, ob die Kleinen gesund sind. Auch der Scan der Ohrmarken geht blitzschnell vor sich. So werden Hof und Halter gecheckt – immerhin läuft im Hintergrund des Marktes eine präzise Rechnungsstellung.  Anschließend darf die Kälberschar schon in die Boxen. Die meisten der jungen, aber schon hornlosen Tiere sind im Grunde ruhig und vertrauensvoll. Sie sehen sich eher neugierig um und nehmen Kontakt zu den anderen auf. Die Wärme und Nähe beruhigt und gibt Sicherheit. Gut ist für die Kälber sicher auch, dass sie auf dem mit frischer Streu bedeckten Boden reichlich Halt finden.

Sieht man den Menschen zu, die hier arbeiten, fällt auf, dass sie sich die größte Mühe geben, unaufgeregt und aufmerksam zu sein. Die gute Atmosphäre ist auch in der Kantine spürbar, wo es schon morgens heißen Kaffee und eine Brotzeit gibt. Hier sitzen die Bauern zusammen, die sich die Zeit nehmen, ihre Tiere zum Markt zu begleiten. Ein guter Platz, um Kontakte zu halten und Neuigkeiten auszutauschen.

 

Rasend schnell und präzise

Inzwischen hat sich im Versteigerungsraum der kleine Kreis der Händler versammelt, die heute zum Einkaufen gekommen sind - ca. 20 Manner und nur eine Frau. Man nimmt sich einfach ein flaches Filzkissen, sucht einen Platz auf der Tribüne und los geht es. Sobald ein Kalb im Ring vor der Tribüne erscheint, liest Florian Maier rasend schnell alle relevanten Daten vor: Nummer – Gewicht – Schätzpreis – Geburtsdatum. Denn sausen seine Hände nur so durch die Luft, um die Gebote anzuzeigen. Blitzschnell ist der Preis vereinbart und das Kalb läuft weiter in die Box, in der jeder Einkäufer seine Tiere sammelt. Wie schnell das alles abläuft, kann man sich ausrechnen: Um 11:00 Uhr beginnt die Versteigerung von etwa 650 Kälbern. Gegen 14:00 Uhr ist Schluss. Obwohl hier in Augenblicken Kaufentscheidungen für mehrere Hundert Euro getroffen werden, ist die Atmosphäre entspannt, man trinkt heißen Tee, freut sich auf Unterbrechungen und einen Scherz.

 

Ein wichtiger Umschlagplatz

Aufgerufen werden zur Versteigerung alle gesunden Kälber, die gekommen sind. Eingeteilt werden diese allerdings in zwei große Gruppen: Da sind einmal die Zuchtkälber, die entsprechend höher bewertet sind. Sie wurden von ihrem heimatlichen Hof angemeldet, ihre Daten sind bekannt: Neben Geburtsdatum und Gewicht ist hier der Stammbaum wichtig. „Letzte Woche“, verrät ein Einkäufer, der ein erfolgversprechendes Kuhkalb sucht, „wurde ein Kalb für einen Rekordpreis verkauft. 2.500,- EURO hat es gebracht. Da müssen natürlich auch zwei zusammenkommen, die sich gegenseitig anfeuern.“ Denn man darf nicht vergessen, dass der Kälbermarkt, der wöchentlich stattfindet, nur ein Standbein der Rinderzucht ist. In der Oberlandhalle ist das Zentrum der Vermarktung des Alpenfleckviehs und die großen Ereignisse sind die 14 Zuchtviehmärkte. Wenn hier etwa Stiere verkauft werden, geht es um Summen, die im Jahr 2020 zwischen € 3.500, - und € 40.500, - lagen! Der Rekordpreis lag bei über 100.000, - Euro für den Stier Mint im Jahr 2014.

 

Kälberverstand

In viel kleineren Dimensionen bewegt sich der Kälbermarkt: Im Schnitt gehen die weiblichen Zuchtkälber für 300 Euro an den Käufer, die jungen Zuchtstiere kosten etwa das Doppelte. Die meisten dieser Kälbchen bleiben auf Höfen im Landkreis, damit ihr wertvolles Erbgut für die hiesige Zucht der Rasse erhalten bleibt.

Für die übrigen Kälber werden Preise zwischen 150 und 600 Euro erzielt. Auf sie wartet nach der Versteigerung der Transport in die Kälbermastbetriebe. Ich kann mit einem Händler sprechen, der erklärt, dass er seit fast 30 Jahren am Donnerstag nach Miesbach kommt, weil es hier reell zugeht und die Tiere gepflegt und in bestem gesundheitlichem Zustand sind. Er kauft Woche für Woche etwa 1/3 aller Tiere und bemüht sich, sie so schnell wie möglich nach Norddeutschland zu bringen. „Ich versuche die Reisezeit so kurz wie möglich zu halten, damit die Kälber keinen Stress und keine Standzeiten haben. Das ist wie bei uns Menschen und beim Busfahren. Solange der Bus rollt, sitzen alle still auf ihrem Platz. Wird aber gehalten, entsteht sofort Unruhe.“ Und genau die will er den Kälbern ersparen. „Das sind doch Kinder“, sagt er, „auf die muss man aufpassen. Ich bin immer erst ruhig, wenn sie gut angekommen sind und im Stall stehen.“ So erfahre ich auch, warum Norddeutschland das bevorzugte Gebiet für die Mastbetriebe ist: Während das Oberland aufgrund seiner naturräumlichen Ausstattung mit Wiesen und Weiden perfekt für die extensive Weidehaltung und Milchproduktion ist, wird im Norden Futtermais angebaut.

 

Miesbach – wo der Preis gemacht wird

32.500 Kälber wechselten im vergangenen Jahr 2020 in der Miesbacher Oberlandhalle den Besitzer. Steigend ist dabei die Zahl der Kälber, die von einem Bio-Betrieb kommen. „Der Zuchtverband für oberbayerisches Alpenfleckvieh Miesbach e.V. ist ein Verein. Wir geben 94 % der Einnahmen weiter an die Bauern“, erläutert Christian Preßlaber das Geschäftsmodell. Während wir uns unterhalten, kommt zufällig auch Balthasar Biechl vorbei, der bis Ende 2017 die Geschäfte führte. Er war maßgeblich beteiligt, dass die alte Halle im Miesbacher Süden aufgegeben und der Neubau am heutigen Standort beschlossen wurde. Man merkt ihm seine Sorge für den Bauernstand und die Veränderungen in der Viehzucht an, als er sagt: „Ja, wir sind ein Interessensverband, deshalb wollen wir, dass auch das Wissen über unser Vieh nicht verloren geht…“ „Und wir machen hier auch die Preise. Im letzten Jahr haben wir 18 Millionen Euro umgesetzt“, fügt Christian Presslaber noch hinzu.

 

Eine spannende Erfolgsgeschichte

Dass die Oberlandhalle ein topmodernes Gebäude ist, sieht man auf den ersten Blick. Alles ist hygienisch sauber, hell und luftig. 1.300 Betriebe im Oberland sind Mitglied im Verein, der im nächsten Jahr 130 Jahre alt wird: „2023 feiern wir unser Jubiläum“, kündigt Presslaber nicht ohne Stolz an. „Vor 180 Jahren hat alles mit Max Obermayer aus Gmund angefangen.“ Dessen Konterfei hängt im Treppenhaus. Es zeigt einen dynamisch und entschlossen dreinblickenden Mann in mittleren Jahren mit Mütze und beeindruckendem Schnurrbart. Er hatte 1837 die Reise ins Schweizer Simmental gewagt und die erste kleine Fleckviehherde nach Gmund gebracht. Zu Fuß versteht sich. Von Gmund aus haben die prächtigen Tiere dann ganz Bayern „erobert“ und zählen zu der meistgezüchteten Rasse im Alpenraum.

Was die Simmentaler so wertvoll macht, bringt der Händler aus dem Emsland auf den Punkt. „Bei uns in Norddeutschland hat man zu stark auf Milchwirtschaft gesetzt. Das schöne bayrische Fleckvieh hat eine großartige Milchleistung, aber es hat auch sehr gutes Fleisch.“ Deshalb kommen die Kälber auch in den Mastbetrieb. 18 Monate bleiben die männlichen Tiere dort, 24 Monate die weiblichen. Dann ist ihr Leben zu Ende.

 

Fotos: Zuchtverband für oberbayerisches Alpenfleckvieh Miesbach e.V., Isabella Krobisch
Text: Verena Wolf

Impressionen

Stadt Miesbach, © Dietmar Denger
Stadt Miesbach

© Dietmar Denger

Stadtführungen_Drohnenaufnahme Miesbach_1920x1280
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Miesbacher Tracht_Titel_Stadtplatz
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Genussführung_Sonja_Still (2)
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