Bahnhof Miesbach Front, 2021, © Hartmut Wolf
Postamt und Bahnhof um 1902, © Stadtarchiv Miesbach

Der Bahnhof – ein Tor zur Welt

Der Bahnhof – ein Tor zur Welt

 

Heute ist der Bahnhof das Selbstverständlichste der Welt. Dabei ist es im November 2021 genau 160 Jahre her, dass der erste Zug am neuen Bahnhof Miesbach einfuhr.

 

In 60 Minuten in die Münchner Innenstadt

„Einsteigen. Türen schließen. Achtung bei der Abfahrt des Zuges!“ Wer die Strecke schon öfter gefahren ist, kennt das: Während das blau-weiße Integral der Bayrischen Regiobahn (BRB) das Schlierachtal hinauffährt, ziehen zunächst Wald und Wiesen gemächlich draußen am Fenster vorbei. Schwenkt der Zug dann hinter Darching in Richtung Westen, geht es schnell über die Felder nach Holzkirchen. Sobald dort alle drei Zugteile aus dem Oberland zusammengekoppelt wurden, geht es auf gerader Strecke schnell dahin. Nur knapp 30 Minuten, nachdem man Miesbach verlassen hat, rattert der Zug auf der Großhesseloher Brücke über die Isar und kurvt durchs grüne Solln. Nach dem Halt „Siemenswerke“ gewinnen die Häuser schnell an Höhe. Nächster Halt ist schon Harras – und wer sich jetzt bereit macht und an der Donnersberger Brücke noch schnell eine S-Bahn erwischt, steht keine 10 Minuten später auf dem Marienplatz. Sollten Sie am Fischbrunnen verabredet sein, dann halten Sie doch noch einmal die Hand ins Wasser, denn es ist ein Gruß aus Miesbach – plätschert doch seit dem 29. Juli 1884 reines, frisches Mangfallwasser in diesem ältesten Brunnen Münchens.

 

Eine Lösung für ein Transportproblem

Verbindet heute die Bahn Miesbach in knapp einer Stunde mit München und schafft – wenn alles gut läuft – eine besonders rasche und umweltfreundliche Möglichkeit, Ausbildung und Arbeit in der Landeshauptstadt zu erreichen oder dort Kunst und Kultur auf Weltniveau zu erleben, so waren die Anfänge der Bahn ganz prosaisch: Im 19. Jahrhundert war Miesbach Bergwerkstadt. Die hier gewonnene Kohle wurde langwierig mit Pferdefuhrwerken nach Holzkirchen gefahren, das damals schon einen Bahnanschluss hatte. Dort erst wurde das schwarze Gold auf die Eisenbahn umgeladen, erreichte nach kurzer Fahrt Rosenheim und den Inn, wo die Kohle auf Schiffen weitertransportiert wurde. Da der Kohlentransport – dank der Bahn – ab Holzkirchen schnell und kostengünstiger war, beschloss die Miesbacher Bergwerkgesellschaft, eine eigene Eisenbahntrasse von Holzkirchen nach Miesbach zu finanzieren. Und einen Bahnhof zu bauen.

Der Miesbacher Chronist Max Heimbucher beschreibt in seiner Chronik: „Das wichtigste Verkehrsmittel der neuen Zeit, die Eisenbahn, verdankt der Markt Miesbach der Kohlengewerkschaft […]. Ingenieur Rasp ist als Erbauer der Bahnstrecke Holzkirchen-Miesbach zu nennen, die im Jahr 1861 dem öffentlichen Verkehr übergeben wurde.“ Das ganze Unternehmen war für Rasp nicht so einfach zu realisieren, wie es heute klingt. Zum einen mussten sich Miesbach, die Bergwerksgesellschaft und das Königreich Bayern über den Bau der Strecke von Holzkirchen nach Miesbach einigen. Und dann galt es noch, einen geeigneten Bauplatz für den Bahnhof zu finden.

 

Wohin mit dem Bahnhof?

Die ersten Pläne hatten vorgesehen, den Bahnhof im heutigen Ortsteil Leitzach zu errichten, wo damals das Kohleabbaugebiet Sulzgraben lag. Dieser Vorschlag ging auf Prinz Karl von Bayern zurück: Um „sein“ Tegernseer Tal zu schonen hatte er sich eine Streckenführung ausgedacht, die von Holzkirchen nach Westerham, über das Leitzachtal hinauf bis Wörnsmühl führen sollte. Dieser royale Vorschlag stieß in Miesbach auf Ablehnung. Man kann sich gut vorstellen, wie heiß debattiert wurde, bis das königliche Verkehrsministerium schließlich die heutige Streckenführung entlang der Schlierach ausarbeitete, die dann auch gebaut wurde.

Damit lag es nahe, den Bahnhof Miesbach an die heutige Stelle zu verlegen. Der Vorteil lag auf der Hand: Die Grube Miesbach, die sich am westlichen Schlierachufer ausbreitete, konnte leicht angefahren werden, zudem war am Schlierachufer auch genug Platz für zwei Bahnhöfe – einen Bahnhof für den Personenverkehr und einen Verladebahnhof. Leider war das alles leichter gedacht als getan, denn dort, wo heute der Bahnhof steht, lagen die Teichenbeizen der Gerber.

 

Kopfbahnhof bis 1869

Dass der Bahnhof an der heutigen Stelle gebaut werden konnte, verdankt unsere Stadt der Weitsicht und Hartnäckigkeit zweier Männer, deren Namen eng mit dem Aufschwung Miesbachs im 19. Jahrhundert verbunden sind: Gemeindevorstand Josef Karlinger Junior (1825-1866) und der damalige Gemeindebevollmächtigte und spätere Bürgermeister Johann Baptist Wallach (1821-1885). Es gelang den beiden durch „Vorstellungen und Bitten“, wie Heimbucher weiß, dass die Gemeinde Miesbach die Teiche mit der Gerberbeize auffüllte und das Gelände der Bergwerkgesellschaft schenkte. Damit war der Weg frei für den Bahnhof.

Bis zur Erweiterung der Strecke nach Hausham (Kohle) und Schliersee (Fremdenverkehr) im Jahr 1869 war in Miesbach übrigens Endstation. Wollte man weiter ins Gebirge, musste man in die Postkutsche oder andere Fuhrwerke umsteigen. Heute verlassen die Züge den Starnberger Bahnhof im Stundentakt – von morgens 7:03 bis nachts um 0:10 ist Abfahrt nach Bayrischzell.

 

„Der schöne Bahnhof“

Das praktische Gebäude, das wir alle kennen, ist das Ergebnis eines Umbaus im Jahr 1961, in dessen Verlauf der würdevolle Prachtbau, 1861 im Stil der Maximilianszeit errichtet, optisch verschlankt wurde. Vermutlich hatte Ingenieur Rasp, der den Bau der Bahnstrecke betreute, auch die Errichtung des Bahnhofsgebäudes überwacht. Er ließ einen harmonischen Bau aufführen: Hauptstück war der quer zu den Gleisen stehende Längsbau, an den sich seitlich zwei turmartige Kopfbauten anschlossen. Mit dem Vordach, den Satteldächern auf den Kopfbauten und einer klar gegliederten Fassade war der Bahnhof für einen Ort in der Provinz großzügig, zweckmäßig und angenehm herrschaftlich. Zusammen mit dem Rathaus, das 1878 im Stil der Neurenaissance erbaut wurde, bildete der Bahnhof ein beeindruckendes, aber nicht protziges Ensemble. Hatten beide Gebäude den Westrand Miesbachs an der Schlierach enorm aufgewertet, erhielten sie 1885-1887 mit dem Gebäude der Bergwerksdirektion eine optisch ansprechende Ergänzung.

 

Als die Neuzeit Einzug hielt

Für Rasp, Karlinger und Wallach, aber auch für Herren der Bergwerkgesellschaft und viele Miesbacher hat die Bahn damals das Leben verändert. Unserem treuen Chronisten Max Heimbucher verdanken wir einen Bericht vom 23.11.1861, dem Tag, an dem die Moderne in Miesbach Einzug hielt:

„Blumenbekränzt fuhr der erste Bahnzug in Miesbach ein, von der Einwohnerschaft des Marktes und den zahlreich hergeströmten Bewohnern der Umgebung mit Jubel begrüßt. Nicht unbegründet war dieser Jubel; denn Handel und Verkehr hoben sich merklich […] und Sommergäste besuchten in viel größerer Anzahl als bisher Miesbach und seine Umgebung […]

Zwanzig Jahre später war der wirtschaftliche Aufschwung, den die Bahn brachte, mit Zahlen zu belegen: Im Jahr 1881 wurden 44.000 Fahrkarten verkauft und der „Export“ an typischen Baustoffen des Oberlandes, wie Nutz- und Brennholz, Zement und Papier, hatte via Bahnhof Miesbach mit einem Gesamtumsatz von 696.247 Mark einen deutlichen Aufschwung genommen. Heute sind alle Gleisanlagen bis auf zwei Schienenstränge abgebaut. Und auf dem Gelände des ehemaligen Ladebahnhofs steht seit 2008 das Oberlandzentrum.

 

Zum Weiterlesen:
  • Heimbucher, Max: „Geschichte Miesbach`s“ in „Miesbacher Chroniken des 19. Jahrhunderts“, 1993 Stadt Miesbach, Seite 321 f.
  • Langheiter, Alexander: „900 Jahre Miesbach – Chronik & Kulturführer“, Maurus Verlag Miebach 2013, Seite 46 f.
  • Stefan Wittich: Eisenbahnen im Oberland: Von Holzkirchen nach Bayrischzell; Die Geschichte der Strecke in Bildern. Sutton Verlag GmbH 2021, Seiten 25-30 (Bahnhof Miesbach)
    ISBN: 3963032723
  • Brb.de

 

Text: Verena Wolf
Bilder: Stadtarchiv Miesbach, Hartmut Wolf

Impressionen

Stadt Miesbach, © Dietmar Denger
Stadt Miesbach

© Dietmar Denger

Stadtführungen_Drohnenaufnahme Miesbach_1920x1280
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Miesbacher Tracht_Titel_Stadtplatz
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Genussführung_Sonja_Still (2)
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MB_Wochenmarkt-0081_1920x1280
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