Miesbachs grüne Oase, die Riviera, © Lisa Horn, Fiona Eder
Lisa und Fiona, © Lisa Horn, Fiona Eder

Miesbach mit neuen Augen sehen

Miesbach mit neuen Augen sehen

 

Am 2. Juni hatte Miesbach interessante Gäste: Die beiden angehenden Autorinnen Lisa und Fiona – beide 15 Jahre jung – statteten der Kreisstadt einen Besuch ab.

 

Start an der Schlierach

Die warme Luft schlägt uns entgegen, als wir aus dem Zug aussteigen, mit uns noch ein paar andere. Die Fahrgäste verstreuen sich allmählich Richtung Innenstadt, während wir uns zunächst kurz orientieren müssen, weil es für uns das erste richtige Mal in Miesbach ist. Wir treffen uns mit Verena Wolf, die uns durch die Kreisstadt führen will.
Nach der Begrüßung gehen wir erstmal zur Schlierach. Auf dem Weg erzählt uns Verena Wolf, dass Miesbach früher eine Bergwerksstadt war. Tatsächlich musste die Kohle damals auf Pferdefuhrwerken nach Holzkirchen transportiert werden, da Miesbach noch keinen eigenen Bahnhof hatte. Von da aus wurde sie mit dem Zug nach Rosenheim gebracht um dann letztendlich per Schiff über den Inn nach Wien zu transportiert zu werden. Einen eigenen Bahnhof bekam Miesbach erst im Jahr 1870. „Die Kohle hat Miesbach reich gemacht“, betont Verena Wolf. Als 1911 das Bergwerk allerdings geschlossen wurde, verloren viele ihre Arbeit. Rund 600 Familien waren betroffen. Sie versuchten ihr Glück in anderen Orten, wie beispielsweise Hausham, da dort das Bergwerk noch rund 50 Jahre länger in Betrieb war. Heutzutage ist nicht mehr viel vom ehemaligen Bergwerk in Miesbach zu sehen, einzig die Zugstrecke ist geblieben.

 

Helden und Pioniere

An der Brücke über der Schlierach angekommen, bleiben wir erstmal stehen und schauen uns um. Was sofort ins Auge fällt, ist eine große Infotafel an der einen Seite des Ufers. Darauf steht unter anderem etwas über die Stromleitung zwischen München und Miesbach. Natürlich hat Verena Wolf auch dazu etwas Spannendes beizusteuern. „Bis 1882, also vor knapp 150 Jahren, gab es in Miesbach noch keinen Strom. Vor allem ließ sich dieser nicht über weitere Strecken transportieren“. Möglich machten es erst Marcel Déprez und Oscar von Miller, der zuvor in Paris bei der Weltausstellung insbesondere von der Internationalen Elektrizitätsausstellung begeistert war. So kam es dazu, dass über die 57 km lange Strecke der Strom von München bis nach Miesbach erstmals transportiert wurde, was damals eine Sensation war.
Auch ein Stein mit eingeprägten Namen am Fuß der Brücke fällt uns auf; er soll an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnern. Die SS wollte damals die Brücke sprengen und die Stadt nicht kampflos an die Amerikaner übergeben. Letztendlich konnten allerdings einige mutige Bürger verhindern, dass die Brücke gesprengt wurde, sodass die Stadt friedlich von den Amerikanern besetzt wurde.

 

Charmante Innenstadt

Weiter gehen wir, am Rathaus vorbei, eine Straße führt steil nach oben, der Gasteig: Wie Verena Wolf weiß kommt der Name von . Zwischen den Häusern hängen bunte Lampions, je näher wir kommen, desto lauter wird das Stimmengewirr und die Musik; verschiedene Essensgerüche schwirren uns um die Nase. Dann öffnet sich die Straße und wir können einen Blick auf die vielen Stände des Miesbacher Wochenmarkts werfen. Dieser findet jeden Donnerstag auf dem Miesbacher Marktplatz zwischen 6:30 und 13:00 Uhr statt. Während wir uns zwischen den verschiedenen Ständen durchschlängeln, bleibt Verena Wolf immer wieder stehen, grüßt verschiedene Menschen und unterhält sich kurz mit ihnen. „Das ist der Ort, wo man schon immer zusammengekommen ist“, meint sie fröhlich. Auch den Besuchern ist die Erleichterung anzusehen, dass man trotz Corona wieder raus kann, und es sich ein bisschen wie Normalität anfühlt.

 

Feuer und Flamme

Nachdem wir den Markt überquert haben, machen wir uns auf den Weg zur Kirche. Während wir unter den farbenfrohen Lampions zur zweiten Ebene hinauf gehen, erzählt uns Verena Wolf noch etwas über den Brand, der 1783 fast ganz Miesbach zerstörte. „Alles, bis auf zwei Häuser brannte ab“, meint sie. Eines dieser Häuser kriegen wir später auch noch zu Gesicht. Es liegt ganz in der Nähe der Brauerei, die für den Brand verantwortlich war, wie Frau Wolf uns erklärt. Denn in ihrer Gärkammer hatte es begonnen zu brennen, woraufhin sich das Feuer in Windeseile durch die engen Gassen Miesbachs fraß. Die Leute versuchten ihren Ort zu retten, jedoch ohne Erfolg. Wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben, doch natürlich standen die Miesbacher danach ohne eine Heimat da. An dieser Stelle hätte die Geschichte der Stadt wohl enden können, doch die Familien kamen bei Freunden und Verwandten unter, während Miesbach wiederaufgebaut wurde. Und zwar, wie man vermutet, genauso, wie es zuvor war.


Die schönen Details entdecken

Als wir durch die Straßen der Stadt gehen, ist das auf jeden Fall gut vorstellbar. Mit all den Winkeln, Gassen und schönen Fassaden hat Miesbach einfach einen wunderbaren Charme, der zumindest historisch anmutet. Vor allem die Dachüberstände, die von unten liebevoll bemalt sind, faszinieren. Außerdem kommen wir im Laufe unseres Spaziergangs an vielen Marienbildnissen vorbei. Natürlich weiß Verena Wolf auch hier, wieso. „Miesbach war einst ein wichtiger Wallfahrtsort, die Leute sind hierher gepilgert“, erläutert sie. Auch das hatten wir nicht gewusst, und als wir fragen, wieso denn ausgerechnet Miesbach, lächelt die Stadtführerin: „Ich mag diese Geschichte, auch, wenn ich sie nicht glaube.“ Und sie beginnt zu erzählen, von einem Brunnen bei einer Linde bei Parsberg, an dem die Leute früher beteten. „Der Stadtpriester allerdings stand in seiner Kirche vor leeren Bänken, deshalb betete er zur Jungfrau Maria, diese solle sich in der Kirche zeigen.“ Bald darauf, so heißt es, habe die Madonnenstatue geleuchtet. Das sahen die Menschen als göttliche Antwort auf die Bitte des Priesters und die Geschichte von der leuchtenden Madonna aus Miesbach verbreitete sich wie ein Lauffeuer. So waren das 17. Und 18. Jahrhundert in Miesbach vor allem durch die Wallfahrt geprägt.
Als Verena Wolf fertig ist mit Erzählen, haben wir gerade die Hauptkirche erreicht.

 

Progressiv im 16. Jahrhundert

„Heute ist sie katholisch, doch für eine gewisse Zeit war sie evangelisch.“ Denn die Maxlrainer, eine Adelsfamilie, die Anfang des 16. Jahrhunderts in Miesbach an die Macht kam, hatte die Kirche gesponsert. Und als die Maxlrainer sich entschieden, den protestantischen Glauben anzunehmen, musste natürlich auch die Hauptkirche in Miesbach evangelisch werden. „Außerdem“, fügt Frau Wolf hinzu, „War Miesbach unter den Maxlrainern ein eigener kleiner Staat, nur dem Kaiser unterstellt.“ Doch als sich 1734 kein männlicher Maxlrainer mehr fand, fiel auch Miesbach an Bayern. Trotzdem, eine beeindruckende Geschichte, die mit der Kirche zusammenhängt. Diese bestaunen wir natürlich nicht nur von außen, sondern auch von innen, wo wir uns nach oben wagen. Das ist selbst für Verena Wolf eine Premiere. Sie zeigt uns, dass an den Bänken dort sogar noch alte Namensschilder befestigt sind.

 

Ort der Zukunft?

Dann machen wir uns auf zu unserer letzten Station, die uns mit einem Sprung aus dem 18. Jahrhundert in die Gegenwart bringt. Verena Wolf führt uns über den oberen Marktplatz und einen kleinen Weg entlang zur Riviera. Es ist ruhig dort, nur wenige Menschen haben auf den Bänken um den aufgestauten Miesbach Platz genommen. Verena Wolf erzählt, man plane, aus diesem Ort einen Platz für junge Menschen und Familien zu machen. Aus unserer Sicht eine wunderbare Idee, denn an diesem Sommertag könnten wir uns gut vorstellen, ein paar Stunden hier zu verbringen. Mit einem kleinen Ausblick in die Zukunft machen wir uns wieder auf dem Weg zurück zum Bahnhof, wo wir uns von Frau Wolf verabschieden und unseren Zug zurück nach Holzkirchen nehmen. Ob wir was gelernt haben? Auf jeden Fall! Doch noch viel wichtiger, wir haben gemeinsam mit Verena Wolf einen wirklich schönen Vormittag in Miesbach verbracht und die Stadt dabei so kennengelernt, dass sie uns beeindruckt hat und wir uns sogar ein bisschen verliebt haben. Vielen Dank!

 

Text: Fiona Eder und Lisa Horn
Fotos: Fiona Eder und Lisa Horn

Impressionen

Stadt Miesbach, © Dietmar Denger
Stadt Miesbach

© Dietmar Denger

Stadtführungen_Drohnenaufnahme Miesbach_1920x1280
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Miesbacher Tracht_Titel_Stadtplatz
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Genussführung_Sonja_Still (2)
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