BRK Zentrallager, © BRK
Leonhard Stärk, © BRK

Krisenmanagement mit Herz und Erfahrung

Krisenmanagement mit Herz und Erfahrung

 

Bayern ist in der Coronakrise zum Vorreiter für Maßnahmen geworden, die die Bevölkerung schützen. Einer, der in erster Reihe an der Krisenbewältigung arbeitet, ist Leonhard Stärk.

 

Zuständig für ganz Bayern

Wie effektiv und zuverlässig der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes selbst in kleinen Dingen ist, erfahre ich sozusagen hautnah am Freitagabend, an dem wir zum Telefoninterview verabredet sind. 17:00 Uhr war abgemacht. Um 16:30 Uhr kommt ein Anruf – Leonhard Stärk ist persönlich am Telefon. Er entschuldigt sich, weil wir erst eine gute halbe Stunde später anfangen können. Als dann pünktlich mein Telefon läutet, erfahre ich auch gleich, wie weit gefächert das Aufgabengebiet von Leonhard Stärk ist: Nicht die Coronakrise war schuld an der Verspätung, sondern eine Explosion in Memmingen. Dort war um 6:00 Uhr früh eine Rettungswache des BRK explodiert: Ein Leck in einer Gasleitung unter der Straße hatte zu einer hohen Gasansammlung in den Räumen der Wache geführt. Das Gas explodierte, als die Putzfrau das Licht anknipste. Sie und vier BRK-Mitarbeiter wurden verletzt. „Fünf Verletzte, ein schwer zerstörtes Gebäude… Das war ein schlimmer Anblick. Ein Glück, dass es keine Toten gab“, sagt der sturmerprobte Krisenmanager und man merkt, dass ihm das Erlebnis in den Knochen steckt – immerhin waren 200 Einsatzkräfte der Feuerwehr vor Ort und die Häuser in der Umgebung mussten evakuiert werden.

 

Manager mit Leib und Seele

Leonhard Stärk, studierter Betriebswirt und Jurist, war sein ganzes Berufsleben lang Manager. Nach dem Examen heuerte der frisch gebackene Jurist beim Raumfahrtkonzern Dornier an, ging dann zur Deutschen Telekom AG und zu Daimler Benz Aerospace. 1996 wechselte er in den Vorstand einer Telekomtochter und pendelte jahrelang zwischen Amsterdam, Berlin, Moskau und Paris, bis er 2002 den Blutspendendienst des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) übernahm. „Nebenbei“ hat Leonhard Stärk geheiratet, wurde Vater zweier Töchter und ließ sich mit der Familie in Miesbach nieder. Seit 2007 ist er nun schon Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). „Der Wechsel von der Industrie in einen Verband – das war schon eine Zäsur“, sagt Stärk mit seinem trockenen Humor. „Aber ich arbeite mit tollen Menschen.“ Von dieser Erfahrung und vom stabilen Naturell des geborenen Rheinhessen profitiert heute ganz Bayern.

 

Im Ausnahmezustand

„Es herrscht eigentlich immer Ausnahmezustand bei meinem Mann“, sagte Christina Stärk einmal. Und sie muss es wissen, schließlich ist sie seit 1986 die Frau an seiner Seite: „Eine Überschwemmung, ein Unglück – irgendwas ist immer.“ In solchen „normalen Zeiten“ ist es Leonhard Stärks wichtigste Aufgabe, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Mitarbeiter, also etwa 8.000 Rettungs- und über 10.000 Pflegekräfte, gute Arbeitsbedingungen haben. Außerdem sorgt er dafür, dass den Entscheidungs-Gremien, wie etwa dem Landesvorstand, stets alle wichtigen Informationen vorliegen. Aufgaben, die seit 2020 eine völlig neue Dimension angenommen haben: „Seit dem 1. März 2020 ist die Bekämpfung der Pandemie die prägende Aufgabe“, fasst er die Ausnahmesituation zusammen, mit der er es in vorderster Front zu tun hat. Denn Leonhard Stärk ist nicht nur Landesgeschäftsführer der größten bayerischen Hilfsorganisation. Jetzt ist er der Mann, der in der Coronakrise dafür sorgen muss, dass das Rote Kreuz nicht nur wie bisher „funktioniert“, sondern den zusätzlichen Belastungen, die durch die Krise für die Bevölkerung entstehen, gewachsen ist.

 

Sofortmaßnahmen

„Ich habe 2020 die erste Märzhälfte als außergewöhnlich belastend erlebt – vor allem für die Mitarbeiter des BRK im Rettungsdienst und in der Pflege, aber auch in den Kindertagesstätten, war die Situation fast unerträglich. Das lässt einen natürlich nicht kalt. Wie schlimm es werden würde, war mir klar, als es im März / April auf einmal keine Schutzkleidung mehr gab. Nichts – der Markt war wie leergefegt. Und unsere Regale sowieso…“ Die 28.000 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die 180.000 ehrenamtlichen Helfer des BRK ohne Schutz zu lassen, war keine Option. „Also haben wir uns ans Telefon gehängt, alle Kontakte in Asien aktiviert. Wir haben sogar Flugzeuge gechartert, um das Schutzmaterial nach Deutschland zu holen.“ Schon Mitte April war es soweit: In Königsdorf bei Augsburg wurde ein Pandemiezentrallager eingerichtet und mit Paletten voller Masken, Schutzanzügen und Einweghandschuhen bestückt. „So konnten wir sogar die anderen Hilfsdienste beliefern, also Arbeiter-Samariter-Bund, Malteser, Johanniter, die DLRG und teilweise sogar die Polizei.“

Solche logistischen Aufgaben zu meistern, ist eine der Herausforderungen, die Leonhard Stärk als Vertreter aller Hilfsorganisationen im Rahmen der Arbeit des FüGK zufallen. Hinter dem Kürzel FüGK verbirgt sich das landesweite Krisenmanagement für Katastrophenschutz, eine Arbeitsgemeinschaft von Experten (Unterstützungs-Gruppe), das in Bayern direkt mit den Ministern und dem Ministerpräsidenten zusammenarbeitet.

 

Die Normalität bewahren

Mit der Bereitstellung der Schutzkleidung war 2020 eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das BRK auch in der Krise weiterhin den weiten Bogen an Hilfsleistungen erfüllen konnte: Alltagshilfen vom gesamten Pflegespektrum bis zu „Essen auf Rädern“, die Führung der eigenen Pflegeinrichtungen, die Beratungsleistungen in Gesundheit und Krankheit, die Betreuung von Familien, Rückholdienst, Suchdienst, die Notfallrettung und der Krankentransport und so vieles, vieles mehr. „Ich bin wahnsinnig stolz auf unsere Mitarbeiter“, sagt Leonhard Stärk. „Alle stehen unter extremen Belastungen. Wir haben derzeit 170 Mitarbeiter, die selbst an Corona erkrankt sind, die gleiche Anzahl ist in Quarantäne. Aber niemand lässt die Flügel hängen, keiner gibt auf. Und so ist die Versorgung der Menschen, die uns anvertraut sind, gesichert.“ Eine Leistung, die nicht selbstverständlich ist. So wie auch das Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter etwas Besonderes ist. Im BRK arbeitet selbst der Präsident ehrenamtlich: Bis 2013 stand das BRK unter der Obhut von Prinzessin Christa von Thurn und Taxis. Heute ist Theo Zellner Präsident der größten Hilfsorganisation Bayerns.

 

Schritte in eine coronafreie Zukunft

Momentan ist die größte Aufgabe der Betrieb der Impfzentren in Bayern. In 42 Landkreisen ist das BRK für die Impfzentren verantwortlich - neben den Corona-Testzentren, die bei uns in Bayern ebenfalls häufig vom BRK eingerichtet und betrieben werden.

Leonhard Stärk ist spürbar dankbar für die Hilfe und Unterstützung, die aus der Bevölkerung kommen. „Wir erleben einen enormen Einsatz“, erzählt er. „Als wir etwa Personal für das Impfzentrum in Hausham gesucht haben, haben sich viele freiwillige Helfer gemeldet, wie pensionierte Ärzte, Gastronomie-Mitarbeiter aus dem Tegernseer Tal oder ein junger Pilot mit einer medizinischen Ausbildung… Sie unterstützen uns – je nach Ausbildung – beim Registrieren, führen Vorgespräche oder assistieren bei der Impfung selbst.“ Wie ganz Deutschland hofft Leonhard Stärk auf ausreichend Impfstoff.

 

Kraft schöpfen

Als ich frage, wie er diese Phase persönlich durchsteht, ob er überhaupt dazu kommt, sich zu entspannen und Kraft zu tanken, überrascht mich Leonhard Stärk. „Richtig ausspannen, alles vergessen – das geht gerade nicht. Aber ich schöpfe Kraft aus der Anerkennung, die wir bekommen. Von der Politik, aus der Bevölkerung.“ Aber so etwas wie kleine Fluchten erlaubt sich der passionierte Oldtimer-Fan dann doch hin und wieder: „Ja“, räumt er ein. „So eine Spritztour durchs Leitzachtal, durch unsere herrliche Landschaft… Das tut gut. Da reicht mir eine Stunde.“ Und dann kommt er ein bisschen ins Schwärmen: „Wissen Sie“, sagt Leonhard Stärk, „wenn ich in Weyarn von der Autobahn abfahre, dann fahre ich heim und dann fällt schon vieles von mir ab.“ Deshalb kann man den weit gereisten Manager auch schon mal beim Semmeln Holen am Marktplatz treffen. „Unsere Geschäftswelt ist eigentlich ganz toll“, sagt er noch, „es könnte sich halt mehr rühren…“ Ob er sich denn seine Zukunft in Miesbach vorstellen kann, will ich noch wissen. Leonhard Stärk muss nicht lange nachdenken. „Dass ich einmal gar nichts mehr tue, kann ich mir nicht vorstellen“, sagt er mit Überzeugung. „Bis Mai 2025 bin ich allerdings beim BRK.“ Danach wird man sehen…

 

Übrigens

Die Aktivitäten des Roten Kreuzes in Bayern gehen auf eine Initiative der Königin Marie (1825-1889) zurück: Die Gattin von König Maximilian II. und Mutter von Ludwig II. gründete schon 1869 einen Vorläuferverein. Nach einer wechselvollen Geschichte wurde dann das Bayerische Rote Kreuz (BRK) nach dem Zweiten Weltkrieg (1945/46) durch Adalbert Prinz von Bayern (1886-1970) wiedergegründet. Seither wurden bayernweit 73 Kreisverbände gegründet – einer davon im Landkreis Miesbach mit Kreisgeschäftsführer Robert Kießling.

Auf der Website des BRK finden Sie eine Übersicht über alle Angebote sowie Tipps für die praktische Bewältigung der Krise. Und unter Umgang mit Kindern - BRK gibt es sogar einen Link zu digitalen Bilderbüchern.

https://www.brk.de

 

Text: Verena Wolf
Fotos: Bayerisches Rotes Kreuz (BRK)

Impressionen

Stadt Miesbach, © Dietmar Denger
Stadt Miesbach

© Dietmar Denger

Stadtführungen_Drohnenaufnahme Miesbach_1920x1280
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Miesbacher Tracht_Titel_Stadtplatz
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Genussführung_Sonja_Still (2)
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